Schockstarre

Die Schockstarre ist Abtauchen ins Wasser und Verharren unter der Oberfläche. Die Sicht aus dem Wasser genießen und sich nicht stellen müssen: dem Leben, der Welt, dem da draußen, den Menschen, die da sind und warten - kommt sie noch? Wird das noch was? Das glaubt sie, die da denkt unter Wasser: Erwartungsdruck, ganz viel Erwarten von ihrer Leistung, ihrem Sein - so verheißungsvoll. Ich kann nicht, ich will nicht. Ich kann das nicht, weil ich zu dumm, zu bequem, zu selbstkritisch, zu verworren, zu unpräzise, zu unwichtig - weil ich Fake bin. Ich bin nicht, was ihr erwartet, ich bin nicht, was ich sein soll - ich bin nichts. Und so bleibe ich unter Wasser, warte bis alle weg sind und klettere dann verschämt heraus - selbst zum Untergang fehlt mir scheints der Mut. Triefnass stehe ich da, angelehnt an die Mauer, Schutz/Versteck suchend. Ich trau mich nicht - mein Dilemma - wenn es drauf ankommt, trau ich mich nicht. Wozu? Was vergebe ich mir zu tun?

Das: Ich strecke den Kopf aus dem Wasser. Jetzt sehen sie mich, wissen, dass ich da bin. Kein Verstecken mehr, kein Untertauchen und es war nichts.

Ich habe Angst - Angst gesehen zu werden, Angst vor den Erwartungen, die sicher gestellt werden - hohe/höchste/zu hohe Erwartungen an meinen Geist, an mein Können, an meinem Aussehen. Das alles macht Sinn, hat Sinn gemacht - ausgelacht zu werden, kenne ich - ich will mich dem nicht mehr aussetzen, für dumm erklärt, habe ich mich bereits selber.

Da stehe ich nun mit dem Kopf aus dem Wasser. Zeige mich, schaue mich um, schaue sie an, die da stehen, erkenne die Gesichter: sie lachen und gehen weg, weil sie sehen: es geht mir gut. Erleichterung ist zu spüren, keine enttäuschte Erwartung - Erleichterung, dass alles gut ist, es mir gut geht: "Wir dachten, es ist Dir etwas passiert. Aber alles ist gut. Schön, dann gehen wir. Komm gut voran." Sie gehen, lassen mich allein, allein um mir Ruhe zu gönnen. "Raste Dich aus", haben sie gesagt, " komm wieder zu Kräften. Alles in Ordnung mit Dir, Du wirst sehen."

Und da sitze ich nun am Beckenrand. Ich schaue in den Himmel und denke mir: "Das darf doch wohl nicht wahr sein" und schüttle den Kopf über mich selbst. All die Jahre habe ich gedacht, ich darf den Kopf nicht heben, bin gekreist und gekreist unter Wasser, dem Wasser des Vermeidens, um unauffällig, ungesehen davonzukommen aus Versagensangst, aus Selbstmitleid, aus Selbstbeweihräucherung, um Mut zu schöpfen, nichts zu tun, statt zu tun, was leicht wäre: aufzustehen, aufzutauchen, raus zu gehen aus dem Wasser, durchzuatmen und leicht zu werden, in mir und mit mir. Eins werden mit der Natur der Dinge, ganz leicht, ganz selbstverständlich.

Und leicht fühlt es sich an, das könnt ihr mir glauben.

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