Der Weg zum Berg

Der Weg zum Berg ist leicht, meint man, da er ja eben voranschreitet. Doch in sich birgt er Unklarheit. Er windet sich, bietet Abzweiger an. Verkauft sich gut und teuer, wenn er sieht, der Eingeladene gibt nach und weiß nicht, was ihm blüht. Der Weg zum Berg ist wachsam. Er erstreckt sich mal mehr, mal weniger, nimmt Formen an. Mal nimmt er Fahrt auf, verlangsamt sich wieder - ganz nach Gutdünken. Der Weg ist steil in Wahrheit, verbirgt es gut im Dickicht des Grün.

Wir denken nur er ist eben, weil er so unschuldig daher kommt. Doch dann treibt er die Schweißperlen auf die Stirn und wir versuchen angestrengter dem Weg gerecht zu werden. Verbissener gehen wir ans Werk, wollen gewinnen an Höhe, an Weite, an Lustbarkeit. Der Weg weiß das, gewinnt immer, wenns mühsam wird, erwacht zur Höchstform, wenn herausgefordert, zwingt - gelinde gesagt - zur Umkehr fast, weil man nicht mehr will - so nicht, nein - so nicht. Doch dann unversehens gibt er eine Wiese frei - ein Anker, ein Haltepunkt. Verzweifelt, erschöpft sinken wir nieder und strecken unsere müden Glieder aus. Haben wir das verdient? Ist das die Mühe wert? Zweifel kommen hoch: der Sinn, wo ist der Sinn?

Und dann sehen wir ihn das erste Mal: den Berg - Sehnsuchtsort, Verheißungsziel. Und wir straffen uns, gewinnen an Mut und Erfahrung macht sich breit. Wir, die schon lange gegangen, auch gekämpft haben mit den Unbilden des Weges, sehen ein Licht am Horizont und wissen nun, wie gestaltet, wie begangen werden will der Weg. Und sachte begeben wir uns fort vom Platz der Ruhe und gleiten nun gelöster und leichter, weil mutiger, kompromissloser, selbstzugewandter von dannen.

Wir schreiten nun fröhlich, sorglos fast, einfach und schlicht, aber beständig Schritt für Schritt in der Wahrnehmung des Ziels.

Auf einmal wandelt sich das Bild: Das Tal wird enger, konzentrierter, bietet nicht mehr so viele Möglichkeiten an und die Luft wird dichter, dringender, verlangt höchste Konzentration, den weihevollen Augenblick einleitend.

Und dann ist sie da: Absolute Stille, absolute Fülle - alles in einem.

Der Anblick ist atemberaubend. Da ist sie nun: die Bergspitze, überragt alles, überglänzt den Boden, auf dem Du stehst mit Dir allein.

Das ist sie also: die Seele, das Innerste, die Wurzel des Seins. Angekommen bei Dir selbst drehst Du Dich um, siehst zurück auf das, was war und schmunzelst. So also sieht Dein verrücktes Leben aus. Aus der Perspektive wird alles ganz klein, putzig sogar.

Du weißt nun, wer Du bist, wirst ganz klein im Innen, ganz weich, ganz duldsam, ganz eins. Du streckst Dich aus am Rücken des Berges und genießt die Aussicht. Und niemand kann Dich mehr wegholen von Dir selbst

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